Amor exstaticus
« Liebe Gottes » heisst es. Denn durch sie lieben wir
Gott allein. Hier ist nichts Sichtbares, nichts
Erfahrbares, weder innerlich noch äusserlich, auf das
man sein Vertrauen setzen könnte oder das man
lieben oder fürchten könnte; sondern doch hinweg
über alle Dinge wird sie in den unsichtbaren,
unerfahrbaren, unbegreifbaren Gott hineingerissen,
mitten hinein in die inwendige Finsternis, OHNE DASS
SIE WEISS, WAS SIE LIEBT, WÄHREND SIE WOHL
WEISS, WAS SIE NICHT LIEBT, UND ALLES
ERKANNTE UND ERFAHRENE VERABSCHEUT, nur
das, was sie noch nicht erkennt, ersehnend und
sprechend : « Ich bin siech vor Liebe » (Hohelied 2, 5),
d.h. das, was ich habe, das will ich nicht und was ich
will, das habe ich nicht.
Martin Luther, Römerbriefvorlesung [1515-1516]
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