« Es ist aber zu beachten, dass der Apostel die Deutung ablehnt, wonach Geist und Fleisch gewissermassen wie zwei getrennte Grössen nebeneinander stünden. Sie bilden vielmehr eine vollständige Einheit, so wie die Wunde und das Fleisch eine Einheit sind. Gewiss ist das Besondere der Wunde und das Besondere des Fleisches voneinander verschieden. Aber dennoch : weil Wunde und Fleisch eine Einheit bilden und die Wunde eigentlich nichts anderes ist als das verwundete oder schwache Fleisch selbst, darum wird dem Fleisch beigelegt, was der Wunde zugehört. So ist ein und derselbe Mensch zugleich Geist und Fleisch. Aber das Fleisch ist seine Schwacheit oder Wunde, und insofern er das Gesetz Gottes liebt, ist er Geist; insofern er aber sündhaft begehrt, macht sich de Schwachheit des Geistes und die Sündenwunde geltend, die erst heil zu werden beginnt. So sagt Christus : « Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach », Matth. 26, 41″
Martin Luther, Römerbriefvorlesung, 1515-1516
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« Die Hoffnung, die aus der Sehnsucht nach dem geliebten Gegenstande erwächst, macht die Liebe immer grösser durch den Abstand vom Erhofften. So kommt’s, dass aus dem Gegenstand, der erhofft ist, und dem Hoffenden durch die hochgespannte Hoffnung gevissermassen eine Einheit etntsteht, nach jenem Worte des seligen Augustin : « Die Seele ist viel mehr da zu Haus, wo sie liebt, als wo sie bloss den Leib beseelt. So sagt man auch im Volksmund : ‘ O meine Liebesglut. » Und der Dichter : ‘Mein Feuer, Amyntas. » [Virgil] Und Aritoteles sagt im 3.Buch von der Seele, dass aus der Vernunft und dem, was durch die Vernunft erkennbar ist, und aus der sinnlichen Natur und dem, was sinnlich wahrnehmbar ist, eine Einheit wird und überhaupt ganz allgemein aus einem Vermögen und seinem Gegenstand. So verwandelt die Liebe den Liebenden in den geliebten Gegenstand. Die Hoffnung also versetzt den Hoffenden in das Erhoffte, aber das Erhoffte tritt nicht in Erscheinung. Und so versetzt es ihn in das Unbekannte und Verborgene, in inwendige Finsternisse, dass es nicht weiss, was er hofft, und doch weiss, was er nicht hofft. So ist also die Seele Hoffnung und Erhofftes zugleich geworden, weil sie in dem verweilt, das man nicht sieht, d.i. in der Hoffnung. Könnte die Hoffnung gesehen werden, d.h. erkennten der Hoffende und das Erhoffte sich gegenseitig, dann würde er nicht in der Weise in das Erhoffte versetzt werden, d. h. in die Hoffnung und das Unerkannte, sondern, er würde übermächtig hingerissen werden zu dem, was sichtbar geworden ist, und würde das Erkannte geniessen. »
Martin Luther, Römerbriefvorlesung, zum achten Kapitel