« Eyner muss dess andernn schand deckel seyn »
« Die Glieder des Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten. Und die uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselben legen wir am meisten Ehre an, und die uns übel anstehen, die schmückt man am meisten. » Siehe deshalb zunächst die einzelnen Stände an. Gott hat keinen Stand so verlassen, dass es nicht etliche fromme und ehrbare Menschen darin verordnet hätte, die für die anderen der Deckmantel und Ehrenschild sind. So schont man die bösen Weiber um der guten willen. Und gute Priester decken die schlechten. Und unwürdige Mönche werden um der würdigen willen geehrt. Alberne Menschen, die sich hier gegen einen ganzen Stand erheben, wie wenn sie selber ganz rein wären, so dass sich nirgends an ihnen Schmutzflecken fänden, obwohl sie doch vorn und hinten und inwendig nichts anderes sind als der Markt und der Tummelplatz für Säue und Schweine! Da gibt es keine rechte Frau und keinen rechten Priester und keinen rechten Mönch. Da sagt der Apostel : Warum gefällt du dir selber so wohl, du Narr, und lässest dir dünken, du seist etwas, obgleich du nichts bist? (vgl. Gal. 6, 3) Wiederum trachten diejenigen, die sehen, dass sie ehrbar sind und ein Schutz für die anderen, eben diesen anderen aus dem Wege zu gehen, obwohl sie ihnen doch als Ehrenschild beigeben sind; die allergrössten Toren, die glauben, sie seien aus sich selbst heraus solche Menschen. Sie wissen nicht, dass sie um der anderen willen solche Leute sind. Darum haben sie einen Widerwillen vor den anderen und wollen keine Gemeinschaft mit ihnen haben. So ist es mit den Ketzern, so mit vielen anderen hoffärtigen Menschen. Das würden sie nicht tun, wenn sie sich nicht selbst gefielen.
Martin Luther, Römerbriefvorlesung, Fünfzehntes Kapitel
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